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4. Wie entstehen Charaktere in einem Buch?

4. Wie entstehen Charaktere in einem Buch?

Charakter bauen leicht gemacht?

In der realen Welt fallen Charaktere sozusagen vom Himmel: Um uns herum wimmelt es von Persönlichkeiten, starke und schwache, geistlose und humorvolle, sympathische und … naja. Doch meistens bleiben die Menschen im Rahmen, echte Helden muss man mit der Lupe suchen, genauso wie skrupellose Bösewichte.

Soll ein Buch zumindest zu einem gewissen Grad die Wirklichkeit wiederspiegeln, dann gilt es, die Finger möglichst von Schwarz-Weiß-Klischees zu lassen! Menschen sind immer vielschichtig, durch viele Faktoren geprägt. Sie handeln zwar meistens stringent, in manchen Fällen aber auch vollkommen überraschend.

Im gewissen Rahmen bedient sich jeder Autor an der Wirklichkeit, um seine Buchcharaktere zu formen. Da führt kein Weg drumherum, wie auch? Allerdings laufen die Prozesse nicht immer bewusst ab, sodass es hinterher schwerfällt, die fiktiven Charaktere realen Menschen zuzuordnen, von denen sie abstammen. Es handelt sich ohnehin meistens um Mischprodukte, keinesfalls um exakte Kopien.

Ich wage an dieser Stelle sogar die Behauptung, dass in den meisten Buchfiguren (vielleicht sogar in allen) ein Stück vom Autor selbst steckt. Irgendeine Eigenschaft, eine Sehnsucht oder sogar ein ganz hervorstechender Charakterzug. Oft bleibt die Verwandtschaft zum Autor jedoch im Verborgenen, sogar der Schriftsteller selbst weiß nichts davon – und wird das Geheimnis in den meisten Fällen auch nicht erfahren.

Charaktererstellung hat also gar nicht so viel mit Fiktion zu tun, auch wenn die Figuren schlussendlich fiktiv sind. Es sei denn, es handelt sich um ganz flach gestaltete “Personen”, eindimensional und im Grunde langweilig. Diese Leerkörper schweben außerhalb der Realität im luftleeren Raum, und das will nun wirklich keiner. Um einen komplexen Charakter aufzubauen, nutzen Autoren verschiedene Methoden, ich teile sie der Einfachheit halber in die gezielte und die intuitive Figurenplanung ein.

Bild oben: Elisa Sleyvorn aus “Vater der Engel”, created by STUKART

1. Gezielte Figurenplanung: der Charakter-Zusammentüftler

Ein Charakter-Zusammenpuzzler formt zuerst eine rundum durchdachte Figur, bevor er diese auf die Handlung loslässt. Er berücksichtigt dabei sowohl das Aussehen der Person als auch ihre inneren Eigenschaften und oft sogar den biographischen Hintergrund.

Welche Ereignisse haben diesen fiktiven Menschen geprägt? Was sind seine Marotten? Woran hängt sein Herz? Und vor allem: Worin besteht sein innerster Antrieb? Vor allem dieser innerste Antrieb ist absolut wichtig, denn auf ihn lassen sich die meisten Handlungen direkt zurückführen.

Ein Schriftsteller, der seine Figuren im Voraus bis auf den Kern entwickelt hat, sichert sich nach allen Richtungen ab. Er ist gegen Ungereimtheiten bestens gewappnet, wenn er sich immer wieder auf sein Konzept besinnt. Trotzdem kann es vorkommen, dass der Charakter-Zusammenpuzzler während des Schreibens intuitiv agiert. Dann entgleist ihm die eine oder andere Figur, agiert anders als geplant. Das muss nicht einmal ein Fehler sein! Auch im wirklichen Leben verhalten sich Menschen hin und wieder absolut überraschend.

Sogenannte Charakter-Datenbanken helfen dabei, jede einzelne Figur genau im Auge zu behalten. Mein Schreibprogramm Papyrus Autor hat sogar eine digitale Datenbank, die sich direkt mit dem Manuskript verknüpfen lässt. Hier kann der Schreiberling nicht nur jede Menge Eigenschaften vermerken, sondern auch Bilder speichern, um die Fantasie noch besser in feste Form zu gießen. Der einzige Nachteil an diesem praktischen Tool besteht darin, dass ich es nicht nutze. Ich bin nämlich von Haus aus ein intuitiver Figurenentwickler.

Bild oben: Asno Sleyvorn aus “Vater der Engel”, created by STUKART

2. Intuitive Figurenentwicklung: der Charakterjäger

Ich fange einfach mit der Geschichte an. Die ersten paar Figuren sind schemenhaft in meinem Kopf entstanden, haben aber noch kein festes Profil. Während des Schreib-Flows entwickeln sie sich, werden zu Menschen, zu Persönlichkeiten.

Manchmal setzen sie sich gegen mich zur Wehr, streben in eine andere Richtung als ich sie mir wünsche. Dann muss ich die Story an ihren Eigenwillen anpassen, schließlich möchte ich niemanden zwingen. Vor allem die Hauptcharakter beginnen recht schnell, in mir zu leben, ich fühle mit ihm und merke, wenn ihm etwas zuwider ist oder er unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen will.

Manchmal muss ich auch zurückblättern und eine Handlung korrigieren, weil eine Person sich nun anders darstellt als sie ursprünglich aussah. Das passiert selten, muss aber manchmal dringend sein. Genau wie der Charakter-Zusammentüftler möchte ich nämlich, dass die Handlungen meiner Romanfiguren nachvollziehbar bleiben und das gerät ein bisschen ins Wanken, wenn ich lange Schreibpausen habe.

Gefühls- und Charakterströme geraten durch zeitlichen Abstand ins Stocken, das ist die größte Schwierigkeit an dieser Art zu schreiben. Um Holprigkeiten auszumerzen, lese ich das gesamte Manuskript zum Abschluss vollständig durch, kille Ungereimtheiten und hoffe das Beste. Niemand ist perfekt, nicht einmal ich! 😀

Beim nächsten Mal möchte ich euch erzählen, wie der Hauptcharakter meines derzeitigen historischen Romans entstand. Denn: Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, auch der fiktive.

Bild oben: Diane von Roder aus “Vater der Engel”, created by STUKART

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