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“Scheiß Krieg”

“Scheiß Krieg”

Auszug aus "Herz und Hände"

Das Fieber war gesunken, der Patient schaute ihn aus klaren Augen an, das Gesicht noch immer kalkweiß. Adrien hatte ihn gemeinsam mit einigen anderen Schwerverletzten in eines der neu aufgestellten Zelte gebracht, ganz nach hinten, am Ende einer langen Reihe leerer Plätze. Nur ein dünnes, aufgespanntes Tuch trennte die Versehrten von denen, die noch kommen würden. Diesen Bereich hatte Adrien für sich reserviert, es waren seine Patienten, um deren Wiederherstellung er sich persönlich kümmerte. Ein wenig Fläche hatte er noch für weitere Verwundete gelassen, die er selbst aussuchen würde.

Ein Blick unter die Verbände am Armstumpf zeigte Adrien, dass die Amputation und die gründliche Säuberung mit Karbonsäure ihren Zweck erfüllt hatten: Die Entzündung war weitgehend gestoppt. Der junge Mann, nicht einmal zwanzig Jahre alt, griff mit der noch vorhandenen Hand nach Adriens Arm und hielt ihn fest.

»Monsieur le docteur, tut mir leid, ich nicht gehört auf dich.«
Tatsächlich wäre diese Amputation zu verhindern gewesen, mit einem etwas längeren Aufenthalt im Lazarett und einer gründlichen Hygiene. Doch der junge Draufgänger hatte nicht abwarten wollen, und war erst zu Adrien zurückgekehrt, als der Arm ein einziges Inferno war.

»Du hast den Preis bezahlt«, erwiderte Adrien. »Nicht ich.«
Die ohnehin schon traurige Miene verdüsterte sich noch ein Stück. »Jetzt großer Kampf und ich nicht mit.«
»Du hättest besser ganz zu Hause bleiben sollen.«
»Kein Zuhause mehr. Vater, Mutter viele Jahre tot. Ermordet von diese Leute da draußen.«
»Scheiß Krieg«, sagte Adrien. »Als ob es nicht schon genug Elend gäbe.«
Sein Patient nickte. »Ja, Elend.«
»He, wie heißt du?«
»Khalil.«
»Komm, wir schließen Frieden. Ich bin Franzose.«
Adrien hielt ihm die Hand hin, Khalil ließ seinen Arm los, zögerte aber, einzuschlagen.
»Entschuldigung«, fügte Adrien an. »Ich bin nicht freiwillig hier und gehe so schnell wie möglich.«
Auf dem blassen Gesicht erschien ein verhaltenes Lächeln, dann griff Khalil zu und drückte erstaunlich fest.
»Nur mit dir«, sagte er. »Die anderen …«. Er beendete den Satz in seiner eigenen Sprache, die Worte klangen hart, verletzt.

Sie sahen sich an: Khalil mit seiner Trauer und Wut, Adrien mit seinem brennenden Heimweh. Verlierer auf beiden Seiten, die das Desaster nicht stoppen konnten, weder durch gutes Zureden noch durch Kampf.

(Herz und Hände, historischer Roman von Yvonne Salmen, derzeit noch nicht veröffentlicht)

Bild: Pixabay

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