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9. Viertes Buch für meine Recherche: “Um Leben und Tod”

9. Viertes Buch für meine Recherche: “Um Leben und Tod”

Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern

“Um Leben und Tod” von Henry Marsh (Rezension)

Dieser Mann weiß genau, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht. Ganz im Ernst. Henry Marsh ist ein britischer Neurochirurg, der 2015 in den wohlverdienten Ruhestand ging. Davor hat er jahrzehntelang menschliche Gehirne operiert und dabei wahre Dramen erlebt. Nicht nur seine Patienten machten so manche Höllenfahrt mit, auch ihr Arzt, der trotz seiner bewundernswerten Begabung immer vollkommen Mensch geblieben ist.

Wunderwerk Gehirn! Bild oben:  TheDigitalArtist auf Pixabay

Drama, Erleichterung und bitterer Schmerz

Henry Marsh ist nicht nur der Protagonist in “Um Leben und Tod”, sondern auch der Autor dieses Buches. In 25 Kapiteln, die meistens den Namen eines medizinischen Phänomens tragen (immer mit Begriffserklärung) reißt er den Leser förmlich mit sich in den OP und bis in die Tiefe seiner Seele. Manchmal trieft bitterer Humor zwischen den Zeilen, an anderer Stelle macht sich grenzenlose Erleichterung breit, um anschließend in ein furchtbares Drama zu münden. Henry Marsh ist ein Retter in der Not – aber auch ein Mensch, der Fehler macht. Und die gibt er unumwunden zu.

“Also ging ich um das Bett herum, um mich neben ihn hinzuknien, wobei meine Gelenke ein Knacken von sich gaben. Mich über meinen sterbenden Patienten zu beugen wäre genauso unmenschlich gewesen, wie es die langen Gänge im Krankenhaus sind.” (Henry Marsh, in “Um Leben und Tod”)

Ein scheinbar herzloser Ort, an dem aber die Emotionen toben. Bild: StockSnap auf Pixabay

Er taucht in das Gehirn wie in eine heilige Kathedrale

Mittlerweile sind einige Monate vergangen, seitdem ich dieses Buch gelesen habe. Im Kopf geblieben ist mir vor allem die unglaubliche Ehrlichkeit, die Marsh an den Tag legt. Und die Begeisterung, die ihn jedes Mal erfasst, wenn er über die Schönheit des menschlichen Gehirns schreibt, diese ungeheure Komplexität und Perfektion. Er taucht mit seinem Mikroskop darin ein wie in eine heilige Kathedrale, die er von zerstörerischem “Schmutz” befreit. Meistens muss er tödliche Geschwulste entfernen, in stundenlanger Feinarbeit, die manchmal – zum Beispiel durch defekte Instrumente – für ihn selbst zur Tortur wird.

Jeder Patient hat bei ihm ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte. Natürlich hat er alles ein wenig verfälscht, damit keine Rückschlüsse auf echte Personen zu ziehen sind, doch das Herzstück jedes Schicksals bleibt real, beinahe anfassbar. Henry Marsh operiert Gehirne, er operiert Menschen, wird zu ihrer letzten Hoffnung, zu einer Hand, die sie dem drohenden Tod entreißt.

Jede Operation ein Mensch, ein Schicksal, eine Hoffnung … Bild: artbykleiton auf Pixabay

Ein Rennen um Leben und Tod, das nicht hätte sein müssen

Einmal muss er eine junge Frau operieren, die es selbst so wollte, obwohl das OP-Risiko in Wahrheit größer war als die Gefahr, die ihr ohne Eingriff drohen würde: Ein kleines Aneurysma, durch Zufall entdeckt, das mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals platzen würde. Doch sie wollte es unbedingt loswerden, weil sie meinte, mit diesem Wissen nicht leben zu können. Während der Operation geht so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann, als habe es eine unsichtbare Macht auf ihre Leben abgesehen.

Henry Marsh kämpft mit nicht funktionierenden Instrumenten, die bislang nie versagt haben, und mit seinen Emotionen. Zum Schluss behält er die Oberhand, die Frau kehrt wohlbehalten in den Aufwachraum zurück. Den Chirurgen erwartet der Lohn der Undankbaren: Der Lebensgefährte seiner Patientin beschwert sich nach ihrem Aufwachen über das hässliche Hämatom in ihrem Gesicht. Und Marsh ist einfach froh, dass sie noch lebt.

"Herz und Hände": Was hat das mit meinem Roman zu tun?

Mein Roman “Herz und Hände” spielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt in den 60er Jahren. In dieser Zeit gab es de facto keine Hirnchirurgie, weder die Technik noch die Zeit waren dafür reif. Mein Protagonist, der Chirurg Adrien Laurent, gibt sich mit dem Bestehenden jedoch nicht zufrieden. Er will immer tiefer graben, akzeptiert kein “Nein, das geht nicht” – und erst recht kein “Das ist nicht erwünscht.” Er versucht, Tumore im Kopf zu orten, Schädel zu öffnen und die Geschwulste zu entfernen.

Eine misslungene Operation – oder ein düsteres Ränkespiel?

Ein düsteres Ränkespiel, das (vorerst) im Gefängnis endet. Bild: TheDigitalArtist auf Pixabay

Einiges von dem Wissen, das Henry Marsh in seinem Buch vermittelt, konnte ich in der Geschichte verarbeiten. Doch vor allem waren es die Emotionen eines Arztes, der mit dem Skalpell um das Leben seiner Patienten kämpft, die mich inspirierten. Adrien Laurent bringen die Gehirnoperationen kein Glück, nach dem Tod einer adeligen Dame landet er im Gefängnis. Doch muss er nach und nach erfahren, dass die misslungene Operation, die der Richter als “verwerflichen Versuch am Menschen” einordnet, nur ein Vorwand war, um ihn hinter Gittern zu bringen.

Wer steckt dahinter? Und: Welche Mächte verwehren ihm die Approbation, schicken ihn schließlich zum Militär und hindern ihn mit Gewalt daran, nach seinen Wurzeln zu fragen?

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