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Medizingeschichte
Die erste Blinddarm Operation, und: Nützt der Appendix doch etwas?

Die erste Blinddarm Operation, und: Nützt der Appendix doch etwas?

Rob Cole: Auf der Spur der Seitenkrankheit

Photo Credits: Columbia University

Hast du den 80er-Jahre-Bestseller »Der Medicus« von Noah Gordon gelesen? Dem jungen Barber und späteren Arzt Rob Cole begegnet in diesem historischen Roman regelmäßig die rätselhafte »Seitenkrankheit«. Patienten klagen über heftige Unterbauchschmerzen, Übelkeit und Probleme beim Stuhlgang. Fieber und Erbrechen gesellen sich hinzu, die eigene Mutter stirbt an diesem schrecklichen Leiden, das von einem Tag auf den nächsten über sie kam. Die Geschichte spielt im 11. Jahrhundert, vom Blinddarm hatte man da noch keine Ahnung.

1735: Die erste dokumentierte Blinddarm Operation

Zu Rob Coles Zeiten war das Sezieren von Leichen in unseren Breitengraden streng verboten. So blieb die Ursache der Seitenkrankheit, die vor allem junge Menschen plötzlich dahinraffte, lange Zeit verborgen. Die erste dokumentierte Blinddarm Operation fand im Jahr 1735, genauer gesagt: am 6. Dezember, auf Nikolaus. Damals kam der elfjährige Hanvil Anderson mit Verdacht auf vereiterten Leistenbruch ins Londoner St. George’s Hospital.

Ein Bildnis von Claudius Amyand

Der elfjährige Hanvil überlebt die erste Blinddarm Operation

Claudius Amyand öffnet den Bauch des Jungen, nachdem er ihn mit Opiumsaft einigermaßen betäubt hat, und entdeckt statt des erwarteten Leistenbruchs eine entzündete Appendix, bereits durchlöchert. Die Ursache des Desasters steht schnell fest, denn im Wurmfortsatz findet der Chirurg eine Stecknadel, die Hanvil verschluckt haben muss.

Amyand schneidet den zerstörten Blinddarm weg und rettet dem Jungen damit das Leben. Das Opium sorgte zwar eine gewisse Schmerzlinderung während der OP, doch der Patient bekam den gesamten Eingriff mit und muss dabei wirklich gelitten haben. Nach einem einmonatigen Krankenhausaufenthalt durfte Hanvil nach Hause – eine traumatische Erfahrung reicher und einen Blinddarm ärmer. Zur damaligen Zeit ein Wunder!

“Claudius Amyand was not a man of genius, but one of solid worth who merits a nod of recognition from medical history, too long denied to him.” (P.G. Creese)

Bild: Pixabay, Clker-Free-Vector-Images

Fragwürdig: Die Blinddarm OP als vorbeugende Maßnahme

Leonardo da Vinci war bekanntlich ein wahres Genie, nicht nur im Malen, sondern auch bezüglich seines Erfindungsreichtums. Schon um 1500 zeichnete er einen anatomischen korrekten Darm inklusive Appendix. Damals verabreichten die Ärzte noch Rizinusöl gegen die Seitenkrankheit, in fälschlichen Glauben, ihren Patienten damit zu helfen. Erst im frühen 19. Jahrhundert begannen Chirurgen, regelmäßig Blinddärme zu entfernen – und schossen dabei prompt über das Ziel hinaus. Die Operation wurde allzu oft als vorbeugende Maßnahme für Frauen empfohlen, ohne jedwede Entzündung. In Wahrheit betrifft eine Blinddarmentzündung besonders häufig Männer!

Leonardo da Vinci, Selbstbildnis

Welchen Nutzen hat der Blinddarm?

Ist der Blinddarm wirklich ein unnützes Überbleibsel der Evolution? Diese Frage beschäftigt auch heute noch die Wissenschaft. Die Appendix verfügt über nicht weniger Nervenzellen als das hochsensible Rückenmark und reagiert sogar auf psychische Schwankungen.

2007 sorgte eine wissenschaftliche Erkenntnis weltweit für Schlagzeilen, vielleicht erinnerst du dich noch: Forscher fanden damals heraus, dass der Blinddarm Mikroben speichert und bei einer Darmerkrankung für lebenswichtigen Nachschub an Bakterien sorgt. Er ist Teil unseres hauseigenen Immunsystems – und damit alles andere als überflüssig. Glücklich, wer noch seinen Blinddarm hat!

Im zweiten Teil meines historischen Romans »Herz und Hände«, an dem ich aktuell noch arbeite, kommt eine Blinddarmoperation unter kärglichsten Bedingungen vor. Die Geschichte spielt in den 1860ern, ich folge einem jungen Chirurgen auf seinem Weg vom Knast in den Krieg.

Illustration: Silke Bachmann

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