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Das brennt
Die Geschichte der Diabetesbehandlung: “Eine rätselhafte Erkrankung”

Die Geschichte der Diabetesbehandlung: “Eine rätselhafte Erkrankung”

Starke Gewichtsabnahme, manchmal innerhalb von wenigen Tagen, und ständiger Durst. Das Wasser läuft nur so aus dem Körper, manchmal kommen auch Erbrechen, Bauchschmerzen und Wadenkrämpfe hinzu. Der Mensch wird lustlos, hat keine Kraft mehr, keine Potenz, die Augen verschlechtern sich, der Kopf schmerzt. Kurz: Der Körper spielt verrückt. Der griechische Arzt Aretaios beobachtete um das Jahr 100 n. Chr. den körperlichen Verfall, er sprach von einer “rätselhaften Erkrankung” und einem “furchtbaren Leiden”. Seine grausige Prognose:

“Das Leben ist kurz, unangenehm und schmerzvoll, der Durst unstillbar, der Tod unausweichlich.”

Darf ich vorstellen? Aretaios! Von Cesaree01 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48106963

Die Suche nach der Ursache für Diabetes mellitus

Über die Jahrhunderte tasteten sich Ärzte und Forscher allmählich an die Ursachen des Diabetes heran, doch es dauerte sehr, sehr lange, bis es endlich effektive Behandlungsmöglichkeiten gab. Schon in der Antike war bekannt, dass der Urin der Erkrankten “honigsüß” schmeckt, daher der Beiname mellitus = honigsüß. (Ja, die Ärzte nahmen den guten Stoff wirklich in den Mund!)

Der englische Arzt Thomas Willis verordnete seinen Patienten im 17. Jahrhundert eine extrem niedrigkalorische Diät, damit verbesserten sich vorübergehend die Beschwerden, doch den Zusammenhang konnte er nicht orten.

Pankreas weg – Symptome da! Brunners Entdeckung

Das Rätsel blieb, doch spätestens, als der Schweizer Arzt und Anatom Johann Konrad Brunner Hunden versuchsweise die Bauchspeicheldrüse entfernte, ergab sich eine unübersehbare Querverbindung zur Pankreas. Die Tiere befiehl extremer Durst und eine Polyurie, das heißt, sie mussten ständig Wasserlassen. Seit diesem Versuch gilt Brunner als Entdecker der “pankreopriven” Diabetes mellitus.

Pankreopriv bedeutet, “auf einen Mangel an Bauchspeicheldrüsengewebe beruhend”.

Brunner mit seiner modischen Perücke /Von Heinrich Pfenninger - Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung, Porträtsammlung, Inventar-Nr. PORT_00008463_01; http://www.portraitindex.de/dokumente/html/objoai:baa.onb.at:3737081, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26723097

1860: Ein erster Versuch der Diabetes-Therapie

Was ist, wenn man dem Kranken die Bauchspeicheldrüse “zurückgibt”? Das fragte sich wohl Joseph Alexander Fles, seines Zeichens Augenarzt in den Niederlanden, und probierte es gleich mal aus. 1860 behandelte er eine Diabetikerin mit Extrakten aus Bauchspeicheldrüsen von Kälbern. Seine Studien veröffentlichte er 1864, sie zeigten, dass der sich der Mann auf dem richtigen Weg befand. Die Therapie war aber alles anderes als ausgereift

In den 1860ern spielt auch mein historischer Roman “Herz und Hände”, in dieser Zeit kam medizinisch viel in Bewegung. Auch die Diabetes-Forschung nahm Fahrt auf. Die Dissertation des deutschen Pathologen Paul Langerhans erwähnte 1869 die Inselzellen des Pankreasgewebes, deren Funktion zu seiner Zeit noch nicht bekannt war. Im selben Jahr verabreichte der englische Arzt John Langdon Down einem Patienten Pankreatin, ein Extrakt auf vorher gemahlener Schweine-Pankreas, um Diabetes zu kurieren.

(Nach Down wurde übrigens das Down-Syndrom benannt, ein echt aktiver Mann, der die Geschichte der Medizin prägte.)

Der britische Arzt John Langdon-Down / Von Sydney Hodges - St. George's University of London (http://en.wikipedia.org/wiki/Image:JLHdown.jpg), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4664943

Geschichte der Diabetes in meiner Geschichte 🙂

Die Schritte gingen in die richtige Richtung, doch waren sie noch nicht ausgereift genug. Auch “meine” beiden Ärzte, Adrien Laurent und sein “Bruder” Eric Fabre unternehmen im Roman ähnliche Versuche, und zwar im zweiten Teil der Serie, in einem algerischen Fort.

Die Diabetes-Behandlung habe ich in die Story eingeflochten, sie rettet unverhofft nicht unbedingt dem Patienten, sondern vielmehr einem der beiden Doktoren das Leben. Aber das müsst ihr selbst lesen.

1875 entstand ein Standard-Werk der Diabetes-Therapie

1875 kam das Werk von Apollinaire Bouchardat heraus, einem französischen Mediziner, der sich intensiv mit der Diabetesbehandlung beschäftigte. Der Titel: „De la glycosurie ou Diabète sucré son traitement hygiénique“. Vieles von dem, was er beschreibt, findet auch heute noch Anwendung, dazu gehört die spezielle Diabetes-Diät ebenso wie die Anregung zur körperlichen Aktivität, die Gewichtsabnahme und die fortlaufende Stoffwechselkontrolle.

Die Schleusen waren geöffnet, in den folgenden Jahrzehnten regnete es förmlich Erkenntnisse. Im Jahr 1900 stellte der russische Pathologe Leonid Sobolew fest, dass die bereits erwähnten Inselzellen eine blutzuckersenkende Substanzen produzieren; 1909 erhielt diese Substanz den Namen “Insulin”, abgeleitet von dem lateinischen Wort Insula = Insel.

Apollinaire Bouchardat / Von Veröffentlicht in Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts von Julius Pagel, S. 219 (Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1901) - digitalisierte Fassung eines gedruckten Werkes; Bilddatei und Faksimile auf Zeno.org, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=4240872

1922: Wenn ein Diabetes-Patient 70 Jahre überlebt!

1922 dann der große Durchbruch: Der schwerkranke 13-Jährige Leonard Thompson erhielt im Toronto General Hospital eine Behandlung mit Rinderinsulin, sein Urin war innerhalb kurzer Zeit frei von Zucker, und sein Leben währte danach immerhin noch 14 Jahre. Der ebenfalls 1922 mit demselben Stoff behandelte Theodore Ryder war erst fünf Jahre alt, er erreichte sage und schreibe seinen 75. Geburtstag und starb an etwas anderem, nicht an seinem Diabetes. Das Mediziner-Team Banting und Best ging mit diesem Erfolg in die Geschichte ein!

Hinter den Vorhang schauen kann Leben retten

Das alles erinnert mich wieder daran, wie kostbar wirksame Medikamente sind. Jahrhundertelang war Diabetes schlichtweg ein Todesurteil, und wenn niemand versucht hätte, hinter den Vorhang zu schauen, hätte sich daran bis heute nichts geändert.

Mein Hauptcharakter Adrien Laurent gehört zu den Medizinern, die ihre Nase sprichwörtlich in alles stecken. Obwohl er mit widrigsten Umständen zu kämpfen hat, an einem Krieg teilnehmen muss, der nicht seiner ist, erlischt sein Forschungstrieb nicht. Immer wieder ergeben sich neue Fragen, die nach Antworten verlangen, und wenn ihm dabei die Kugeln um die Ohren fliegen. Auch ich werde weiter wühlen in der Historie der Medizin, und noch die eine oder andere Perle für euch zutage fördern.

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